Das "unsichtbare" Kondom
Die jW schreibt heute:
Tausende südafrikanische Frauen aus den Townships erproben »unsichtbares Kondom« gegen Infizierung mit HIV. Pharmakonzerne wittern Geschäft – in Europa und Amerika
Insgesamt 3 000 Frauen aus den Townships um Johannesburg nehmen derzeit an einem mehrjährigen pharmazeutischen Großversuch teil, bei dem die Wirksamkeit eines »unsichtbaren Kondoms« für Frauen getestet wird. Durch dessen Schutz soll zwar in erster Linie die Infektion mit dem HI-Virus verhindert werden, zugleich könnte damit aber auch die Ansteckung mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, unten denen etwas 90 Prozent aller südafrikanischen Frauen zumindest einmal in ihrem Leben leiden, ausgeschlossen werden. Das Kondom ist ein Gel, das sogenannte Mikrobizide enthält, Substanzen, die das Virus inaktivieren. Das Gel wird in die Vagina eingeführt und soll den AIDS-Erreger daran hindern, die Immunzellen anzugreifen.
Risiko abgewälzt
So wie die Kondome für den Mann frei verkäuflich sind, soll auch das Gel, wenn es denn als sicherer Schutz klassifiziert werden kann, rezeptfrei erworben werden können. Da es kein Gesundheitsrisiko darstellt, gibt es auch keine Vorbehalte des Gesundheitsministeriums gegen den Versuch, der auf vollkommen freiwilliger Basis stattfindet. Allerdings bestehen auch keinerlei Verpflichtungen der Pharmafirma, falls die Mikrobizide nicht halten, was sie versprechen. Trotzdem war es leicht, genügend Frauen zu finden, die das neue Gel erproben wollen, denn das HIV/AIDS-Risiko ist in Südafrika ungewöhnlich hoch. Mit mehr als sechs Millionen Infizierten bei einer Bevölkerung von etwa 45 Millionen Menschen soll Südafrika die höchste AIDS-Rate der Welt haben. Mehr als die Hälfte der Infizierten sind Frauen. Da auch in Südafrika Männer selbst nach dem Gesetz immer noch mehr als eine Ehefrau haben können und insbesondere auf dem Lande auch haben, die Prostitution durch die Wanderarbeit sehr hoch ist und trotz aller Aufklärungsbemühungen Kondome als unmännlich gelten, greifen Frauen sozusagen nach jedem Strohhalm, um sich zu schützen. Zumal Ehemännern der Geschlechtsverkehr von ihren Frauen nicht verweigert werden darf – und Südafrika das Land mit der weltweit höchsten Vergewaltigungsrate ist.
Erprobt wird ein Präparat des US-amerikanischen Pharmakonzerns Indevus. Die Gelder für die statistische Datenerfassung und die wissenschaftliche Auswertung des Versuchs trägt der Konzern gemeinsam mit Pharmakonzernen aus Großbritannien, die sich ebenfalls mit dem unsichtbaren Kondom für die Frau beschäftigen. Wissenschaftliche Unterstützung in Südafrika gibt die Johannesburger Witwatersrand-Universität.
International gibt es großes Interesse an einem Selbstschutz, den Frauen ohne Einverständnis von Männern anwenden können. Am weitesten sind bei diesen Entwicklungen amerikanische Unternehmen. Getestet wird in Ländern, wo es viele HIV-Infizierte gibt, dort besteht die größte Bereitschaft, an Erprobungen teilzunehmen. Natürlich lohnt sich die Geldausgabe für die Unternehmen, schließlich existiert ein riesiger Markt für die Produkte. Wenn auch die Abnehmer in der dritten Welt nicht zahlen können, so läßt sich der Profit doch gut in Europa und Amerika einfahren. Angesichts der Tatsache, daß die Frauenkondome in den Ländern des Nordens hundertprozentig sicher sein müssen, um Schadensersatzforderungen zu verhindern, erscheinen die Test an afrikanischen Frauen in einem ganz anderen Licht.
Tabuthema AIDS
Da die südafrikanische Regierung jahrelang die AIDS-Problematik ignorierte und erst seit etwa einem Jahr systematisch und kostenlos Medikamente in den staatlichen Polikliniken und Krankenhäusern abgibt, sind bisher nur einige tausend Kranke erfaßt. Das liegt vor allem daran, daß vor der Medikamentenabgabe ein AIDS-Test steht, der eben freiwillig ist. Wie viele Infizierte mit Medikamenten über die privaten Krankenkassen (nur 17 Prozent aller Südafrikaner sind privat versichert) und wie viele Beschäftigte – auch Arbeiter – über die betrieblichen Gesundheitsdienste großer Konzerne in Bergbau und Industrie versorgt werden, bleibt unbekannt. Da AIDS immer noch ein großes Tabu in der südafrikanischen Gesellschaft ist – auch die von Nelson Mandela migetragenen Kampagnen haben daran nichts geändert – ist es schwer, rechtzeitig zu helfen.
Und wie immer bei tödlich verlaufenden Krankheiten preisen auch viele traditionelle Heiler und andere Quacksalber wertlose Mittel an. Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang selbst empfiehlt Knoblauch, Rote Bete und die afrikanische Kartoffel. Sie gab auch dem umstrittenen deutschen Mediziner Dr. Matthias Rath eine Erlaubnis zum Betrieb einer Praxis. Rath war ans Kap gegangen, weil ihm in der BRD wegen des spektakulären Todes eines kleinen krebskranken Jungen nach seiner Vitaminbehandlung der Boden zu heiß geworden war. In Südafrika sollen diese Vitamine nun Wundermittel sein.






